Gerelkhuu Ganbolds 8-teiliges Gemälde “Exoplanet” hatte ich für die Ausstellung vor zwei Jahren ausgewählt, weil es so etwas wie eine pointierte Beschreibung des Lebens in der Mongolei heute ist. Vordergründig sieht man einzelne”Info”- Boxen mit Zehnergruppen berittener mongolischer Krieger, die über Flowchart-ähnliche Verbindungslinien verbunden sind. Dazwischen Notationen von naturwissenschaftlichen und mathematischen Formeln, sowie Spalten mit Binärcodes, oder die Zahlenreihe: 10. 100, 1000. 10000.
Das sind die Einheiten, in die Chinggs Khaan seine Truppen eingeteilt hatte und damit die alten Klanstrukturen zerbrochen hatt, weil er an die Spitze dieser Einheiten keine Personen mit ererbter Macht gesetzt hatte, sondern Männer, die liefern konnten. Drunter waren auch viele Personen aus den eroberten Gebieten, die so auch zu Einfluss und Macht gelangen konnten.
Mit andern Worten Chinggis hatte ein inklusives, transparentes Top-down Modell entwickelt, das Stabilität erzeugte und den internationalen Handel bis Europa abgesichert hat. Die Flowchart-Ästhetik passt ganz gut dazu.
Das Bild muss man sehen vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Instabilität der Mongolei (3 Regierungen in 9 Monaten). Die häufige Verwendung von Brailleschrift auf dem Bild lese ich einerseits als Kritik an der “Blindheit” der eigenen Regierung/Gesellschft der Mongolei - anderseits: sieht man - trotz des großen “Personalaufwands” im Gemälde - bei keinem der Reiter das Gesicht, oder die Augen – in traditioneller Thangkha-Malerei wird ein Bild soweit gemalt, dass bis auf die Augen alles fertig ist. Dann kommen andere Mönche dazu, machen Musik und beten Sutren. Erst, wenn das Bild dann fertiggestellt ist vollzieht sich die Transformation von der Darstellung eines spirituellen Wesen zu seiner wirkmächtigen Manifestation durch das Bild.
Soweit kommt es bei Gerelkhuu nicht – er kann die metaphysische Manifestation nicht herstellen, weil es die Realität nicht hergibt. Diese wiederum ist im Bild präsent, als das mit braun-roten Pinselkringeln im Hintergrund dargestellte Chaos, vor das er seine Ordungsversuche stellt, um es abzuwehren.
An diesem Punkt fing ich an zu denken, dass das Bild ein zeitgenössischer Mandala-Versuch ist. Die Infoblöcke kann man lesen wie das Weltgeviert im Zentrum eines traditionellen Mandalas, die ihren Ort nicht finden,
Das Bild ist tief in der Spiritualität, der Bildtradtionen und der Geschichte der Mongolei verwurzelt und gleichzeitig eine akkurate Beschreibung der politischen und gesellschaftliche Verwerfungen der Mongolei. Es ist ein Hauptwerk von Museumsqualität.